Laut mit sich selbst sprechen ist eine Technik des Denkens

Diese Woche schlenderte eine Frau durch meine Straße, ging im Kreis und sprach laut mit sich selbst. Die Leute sahen sie unbeholfen an, aber das störte sie nicht sonderlich und sie ging energisch weiter und sprach weiter.

Ja, diese Frau war ich.

Wie viele von uns rede ich laut mit mir selbst, obwohl ich etwas ungewöhnlich bin, weil ich es oft in öffentlichen Räumen tue. Wann immer ich ein Problem lösen, eine Idee entwickeln oder mir einen Text einprägen will, wende ich diese seltsame Arbeitsroutine an. Das hat mir nicht nur einen guten Ruf in meiner Nachbarschaft eingebracht, sondern auch meine Denk- und Sprachfähigkeiten enorm verbessert. Lautes Sprechen ist nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern auch eine Technologie des Denkens: Es fördert die Bildung und Verarbeitung von Gedanken.

Die Idee, dass lautes Sprechen und Denken eng miteinander verbunden sind, ist nicht neu. Sie tauchte bereits im antiken Griechenland und Rom auf, bei großen Rednern wie Marcus Tullius Cicero. Aber die vielleicht faszinierendste moderne Entwicklung dieses Gedankens erschien in dem Aufsatz „Über die allmähliche Bildung der Gedanken beim Sprechen“ (1805) des deutschen Schriftstellers Heinrich von Kleist. Darin beschreibt Kleist seine Angewohnheit, das Sprechen als Denkmethode zu nutzen, und spekuliert, dass wir etwas, das wir nicht allein durch Nachdenken entdecken können, vielleicht im Prozess des freien Sprechens entdecken. Er schreibt, dass wir normalerweise einen abstrakten Anfang eines Gedankens haben, aber das aktive Sprechen hilft, den obskuren Gedanken in eine ganze Idee zu verwandeln. Nicht der Gedanke bringt die Sprache hervor, sondern die Sprache ist ein kreativer Prozess, der seinerseits den Gedanken hervorbringt. So wie der „Appetit mit dem Essen kommt“, argumentiert Kleist, „kommen die Ideen mit dem Sprechen“.

Der Kraft der gesprochenen Selbstbestätigung als Mittel zur Selbstermächtigung im Sinne der positiven Psychologie wurde viel Aufmerksamkeit geschenkt. Wie Kleist sagt, ist das Selbstgespräch jedoch auch ein kognitives und intellektuelles Werkzeug, das eine breitere Palette von Anwendungsmöglichkeiten bietet. Zeitgenössische Kognitions- und Lerntheorien bestätigen Kleists Spekulationen und zeigen, wie Selbstgespräche nicht nur zur Motivation und Emotionsregulierung beitragen, sondern auch zu einigen höheren kognitiven Funktionen wie der Entwicklung von Metakognition und logischem Denken.

Wenn Selbstgespräche so vorteilhaft sind, warum führen wir dann nicht ständig Selbstgespräche? Die Dynamik zwischen Selbstgesprächen und innerer Rede könnte den zweifelhaften sozialen Status von Selbstgesprächen erklären. Selbstgespräche werden oft als das verfrühte Äquivalent der inneren Rede angesehen – der leisen inneren Stimme in unserem Kopf, die selbst wichtige kognitive Funktionen hat. Die für Kinder typische Tendenz, unsere inneren Gedanken in tatsächlichen Selbstgesprächen auszudrücken, wird verinnerlicht und wandelt sich im Erwachsenenalter zu stimmloser innerer Rede, wie der Entwicklungspsychologe Lew Vygotsky bereits in den 1920er Jahren vermutete.

Selbstgespräche werden nur dann als legitim angesehen, wenn sie unter vier Augen, von Kindern, von Menschen mit geistigen Behinderungen oder in Shakespeare’schen Selbstgesprächen geführt werden

Vygotskys Ansicht stand im Gegensatz zu einer konkurrierenden Ansicht der psychologischen Schule, die als Behaviorismus bekannt ist und die Selbstgespräche von Kindern als Nebenprodukt eines (vermeintlich) weniger kompetenten Verstandes ansah. Vygotsky behauptete jedoch, dass Selbstgespräche eine aktive mentale Rolle spielen. Er beobachtete Kinder bei der Ausführung von Aufgaben, während sie laut mit sich selbst sprachen, und kam zu dem Schluss, dass ihr „privates Gespräch“ eine entscheidende Phase in ihrer geistigen Entwicklung darstellt. Allmählich verwandelt sich die Interaktion eines Kindes mit anderen in ein lautes Gespräch mit sich selbst – das Selbstgespräch – bis es im Erwachsenenalter zu einer gedämpften inneren Rede wird. Vygotskys Nachfolger, wie der Psychologe Charles Fernyhough, haben gezeigt, dass die innere Rede eine Reihe von kognitiven Funktionen unterstützt, darunter Problemlösung, Aktivierung des Arbeitsgedächtnisses und Vorbereitung auf soziale Begegnungen. Es ist also eher das innere Sprechen als das Selbstgespräch, das im Mittelpunkt der Forschung bei Erwachsenen steht.

Die Verinnerlichung des Selbstgesprächs ist jedoch nicht unbedingt ein Beweis für kognitive Reife: Sie könnte vielmehr die Degeneration einer wesentlichen kognitiven Fähigkeit angesichts des sozialen Drucks darstellen. Der Soziologe Erving Goffman stellte fest, dass Selbstgespräche tabu sind, weil sie eine „Bedrohung der Intersubjektivität“ darstellen und gegen die gesellschaftliche Annahme verstoßen, dass Sprache kommunikativ ist. In seinem Buch Forms of Talk (1981) schrieb er: „Es gibt keine Umstände, unter denen wir sagen können: „Es tut mir leid, ich kann jetzt nicht kommen, ich bin damit beschäftigt, mit mir selbst zu reden“. Selbstgespräche werden nur dann als legitim angesehen, wenn sie unter vier Augen, von Kindern, Menschen mit geistigen Behinderungen oder in Shakespeare’schen Selbstgesprächen geführt werden.

Allerdings hat das Selbstgespräch auch bei Erwachsenen gewisse Vorteile gegenüber der inneren Rede. Wie Fernyhough gezeigt hat, neigen wir oft dazu, im Stillen mit uns selbst zu sprechen, indem wir einzelne Wörter und verkürzte Sätze verwenden. Lautes Sprechen hingegen ermöglicht es uns, unsere Gedanken vollständig abzurufen, wobei Rhythmus und Intonation ihre pragmatische und argumentative Bedeutung betonen, und fördert die Entwicklung entwickelter, komplexer Ideen.

Beim Sprechen werden nicht nur bereits vorhandene Ideen abgerufen, sondern es entstehen auch neue Informationen im Abrufprozess, genau wie beim Schreiben. Lautes Sprechen ist erfinderisch und kreativ – jedes geäußerte Wort und jeder Satz bringt nicht nur einen bestehenden Gedanken hervor, sondern löst auch neue gedankliche und sprachliche Verbindungen aus. In beiden Fällen – Sprechen und Schreiben – erfährt die Materialität der Sprache eine Verwandlung (in hörbare Laute oder geschriebene Zeichen), die ihrerseits eine geistige Veränderung bewirkt. Bei dieser Umwandlung geht es nicht nur um die Übersetzung von Gedanken in eine andere Zeichenfolge – vielmehr werden dem mentalen Prozess neue Informationen hinzugefügt und neue mentale Kaskaden erzeugt. Deshalb besteht die beste Lösung für kreative Blockaden darin, nicht zu versuchen, vor einem leeren Blatt zu denken und einfach darauf zu warten, dass die Gedanken kommen, sondern tatsächlich weiter zu sprechen und (irgendetwas) zu schreiben, im Vertrauen auf diesen generativen Prozess.

Das laute Sprechen vor sich selbst erhöht auch die dialogische Qualität unserer eigenen Sprache. Obwohl wir keinen sichtbaren Adressaten haben, ermutigt uns das Sprechen mit uns selbst, aktiv ein Bild von einem Adressaten zu konstruieren und die eigene „Theory of Mind“ zu aktivieren – die Fähigkeit, die mentalen Zustände anderer Menschen zu verstehen und entsprechend ihrer imaginären Erwartungen zu sprechen und zu handeln. Stummes inneres Sprechen kann auch als innerer Dialog erscheinen, aber seine verkürzte Form ermutigt uns, eine „geheime“, verkürzte Sprache zu schaffen und mentale Abkürzungen zu verwenden. Indem es uns zwingt, uns vollständiger zu artikulieren, ruft das Selbstgespräch das Bild eines imaginären Zuhörers oder Vernehmers lebhafter hervor. Auf diese Weise ermöglicht es uns, uns selbst kritischer zu hinterfragen, indem wir eine externe Perspektive auf unsere Ideen einnehmen und so Mängel in unseren Argumenten in Betracht ziehen – und das alles, während wir unsere eigene Sprache benutzen.

Vielleicht haben Sie auch bemerkt, dass Selbstgespräche oft intuitiv geführt werden, während sich die Person bewegt oder umhergeht. Wenn Sie jemals in Ihrem Zimmer hin- und hergelaufen sind, während Sie versucht haben, etwas zu besprechen, haben Sie diese Technik intuitiv angewandt. Es ist kein Zufall, dass wir laufen, wenn wir denken müssen: Es ist erwiesen, dass Bewegung das Denken und das Lernen fördert, und beides wird im gleichen motorischen Kontrollzentrum im Gehirn aktiviert. In dem einflussreichen Teilbereich der Kognitionswissenschaft, der sich mit der „verkörperten“ Kognition befasst, wird behauptet, dass Handlungen selbst für kognitive Prozesse konstitutiv sind. Das heißt, Aktivitäten wie das Spielen eines Musikinstruments, Schreiben, Sprechen oder Tanzen beginnen nicht im Gehirn und gehen dann als Handlungen in den Körper über; vielmehr arbeiten Geist und Körper als kreatives, integriertes Ganzes zusammen, entfalten und beeinflussen sich wechselseitig. Es ist daher ein großes Problem, dass viele von uns in Arbeits- und Studienumgebungen gefangen sind, die es uns nicht erlauben, diese intuitiven kognitiven Muskeln zu aktivieren, und uns sogar oft dazu ermutigen, sie zu vermeiden.

Technologische Entwicklungen, die das Sprechen scheinbar überflüssig machen, sind ebenfalls ein Hindernis für die Entfaltung unseres vollen kognitiven Potenzials. Kürzlich erklärte der Technologieunternehmer Elon Musk, dass wir uns auf eine nahe Zukunft ohne Sprache zubewegen, in der wir in der Lage sein werden, über neuronale Verbindungen direkt von Geist zu Geist zu kommunizieren. Unser Gehirn wendet viel Aufwand auf, um ein komplexes Konzept in Worte zu fassen“, sagte er kürzlich in einem Interview, „und bei der Komprimierung eines komplexen Konzepts in Worte gehen viele Informationen verloren“. Was Musk als „Aufwand“, Reibung und Informationsverlust bezeichnet, ist jedoch auch ein kognitiver Gewinn. Sprache ist nicht nur ein Kanal für die Übertragung von Ideen, ein austauschbares Medium für direkte Kommunikation, sondern eine generative Tätigkeit, die das Denken fördert. Neuronale Verbindungen mögen die intersubjektive Kommunikation erleichtern, aber sie werden die Technologie des Denkens beim Sprechen nicht ersetzen. Wie Kleist schon vor mehr als 200 Jahren erkannte, gibt es keine bereits existierenden Ideen, sondern nur den heuristischen Prozess, durch den Sprache und Denken einander ko-konstruieren.

Wenn Sie also das nächste Mal in Ihrer Straße jemanden sehen, der spazieren geht und mit sich selbst spricht, warten Sie, bevor Sie ihn verurteilen – vielleicht ist er gerade mitten in einer intensiven Arbeit. Vielleicht wünscht sie sich, sie könnte sagen: „Es tut mir leid, ich kann jetzt nicht plaudern, ich bin mit Selbstgesprächen beschäftigt. Und vielleicht, nur vielleicht, werden Sie eines Tages dasselbe tun.

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